Auf dem rosa Sofa

Auf dem imposanten rosaroten Sofa werden in wenigen Minuten Lehrerinnen und Lehrer sitzen, sprechen und einander zuhören. Heute findet die Konferenz nicht im Lehrerzimmer statt, sondern im neu eingerichteten Wandel-Raum. Auf diesem Sofa fühlt sie sich gar nicht an wie eine Konferenz.

Seit knapp einem Jahr wird die Mittelschule Würzburg Zellerau durch das Netzwerk „Schule im Aufbruch“ in ihrer Transformation begleitet. Inspiriert von diesem Prozess hat das Wandel-Team der Schule beschlossen, den Wandel-Raum einzurichten, als zentralen Ort der Schulentwicklung. Das große Besprechungssofa mit den hohen Lehnen erschafft optisch wie akustisch eine besondere Atmosphäre, spontan erinnert nichts an Schule.

Im gleichen Jahr findet auch bei mir persönlich ein wichtiger Prozess statt. Ich habe das Glück dem Focusing zu begegnen und habe die Basisausbildung bei Peter Ackermann in Regensburg gemacht. Gerade besuche ich den Aufbau-Kurs "Focusing-Essentials" bei Charlotte Rutz und Klaus Renn in Würzburg. Focusing ist eine Methode die unter anderem in der Psychotherapie eingesetzt wird. Sie wurde in den 1960er Jahren von Eugene Gendlin entwickelt, der im Umfeld von Carl Rogers geforscht und gearbeitet hat. Er wird oft so zitiert: „Focusing ist, wenn man bei etwas dranbleibt, das man unmittelbar körperlich erlebt, aber noch nicht ganz versteht.“ Diese kurze Zeit, in der man mit etwas ist, das man ganz konkret und körperlich erlebt, ohne zu wissen, was es ist, das ist Focusing. In meiner Ausbildung und in meinem persönlichen Prozess erlebe ich Focusing als sehr tiefgehend, wirkungsvoll und lebensverändernd.

Gleichzeitig bewege ich mich als Schulleiter einer bayerischen Mittelschule in Zusammenhängen, die oft wenig Raum und Zeit für das Unklare lassen. In der Kommunikation mit anderen Personen ist wenig Zeit in mich hinein zu spüren, das Unklare wahrzunehmen und da sein zu lassen. Es bleibt wenig Raum dafür, Formen oder Worte zu greifen, die durch das Dasein-Lassen emporsteigen. Selten gibt es die Möglichkeit dazu, die manchmal winzige und manchmal enorme Veränderung zu bemerken, die in diesem Spüren bereits enthalten ist. Also scheint dieser Teil meines Lebens den Kursen und dem partnerschaftlichen Focusing vorbehalten zu bleiben.

Stattdessen bereite ich mich auf die Konferenz vor, die in dem neuen Wandel-Raum stattfinden wird. Wir wollen die konkreten Ergebnisse unseres ersten Jahres mit „Schule im Aufbruch“ dem Kollegium präsentieren und den Raum offiziell einweihen. Eine Kollegin hat eine Stellwand vorbereitet. Dort hängen die bereits erreichten Meilensteine: Handyschränke sind eingeführt und werden genutzt. Alle kommen pünktlich. Es gibt vier neue Lernentwicklungs-Assistentinnen. Supervision für Lehrkräfte findet statt. Die SMV erfährt einen Neustart. Der Wandelraum ist eingerichtet.

Hier halte ich inne. Erst stehe ich ein wenig ratlos herum. Da ist etwas, was ich noch nicht fassen kann. Dann lasse ich mich auf das rosarote Sofa plumpsen und betrachte die Meilensteine. Handyschränke und Pünktlichkeit entschärfen Konfliktfelder. Lernentwicklungsassistenz fördert Schülerinnen und Schüler und entlastet Lehrkräfte massiv. Supervision schafft Raum für wichtige Themen. Die SMV wird darauf vorbereitet, mehr Verantwortung zu übernehmen. Da entsteht etwas, das ist gar nicht so unklar. Hier schaffen wir gerade Freiraum. Freiraum für die Einzelnen aber auch Freiraum für die ganze Schule. Wir lassen die Themen nicht links liegen und werden gleichzeitig nicht von ihnen ganz vereinnahmt. Wir halten sie auf einer kleinen Distanz von uns. Genau so weit, dass wir sie gut sehen können. So lässt sich durchatmen.

Freiraum zu schaffen ist der erste Schritt im Focusing. Der äußere Rahmen muss stimmig sein. Und auch die verschiedenen Themen, die auftauchen, werden auf eine kleine Distanz gebracht. So wird Raum geschaffen für das Thema, das gerade jetzt dran ist. Teil des Freiraum-Schaffens kann sein, einen guten Ort zu finden. Im persönlichen Focusing-Prozess ist das häufig ein Ort im Körper, der sich gut anfühlt. Und ich sitze im Wandel-Raum. Ein guter Ort in der Schule. Ein Ort an dem wir erst mal einfach nur sein können. Ein Ort, der sich gut anfühlt oder zumindest ein bisschen weniger schlecht. Kann ein guter Ort nicht nur im individuellen Prozess, sondern auch in einer Organisation gefunden und genutzt werden? Jeden Mittwoch in der zweiten Stunde sitzt hier das Wandel-Team zusammen. Wir sind mit dem, was da ist, oft ohne es schon in Worte fassen zu können.

Das wäre der nächste, der zentrale Schritt im Focusing. Den „Felt-Sense“ ertasten. Spüren, was da ist, ohne es genau benennen zu können. Was ist da? Da ist eine dringend nötige Veränderung und gleichzeitig die profunde Erfahrung aller hier, dass alle Veränderungen vom System Schule immer wieder geschluckt werden. Da sind so viele Ansätze im Großen und im Kleinen. So viele engagierte Lehrer:innen, die es anders machen, Dinge ausprobieren, mutig sind. Und da sind die vielen Erzählungen davon, wie schwierig das ist, wie viel davon im Sand verläuft, wie vieles manchmal auch gelingt, aber nach einer gewissen Zeit wieder an Kraft verliert. Am Ende landen wir alle viel zu oft wieder vor der Tafel und dozieren.

Da ist dieses System Schule, das eine unglaubliche Kraft dabei entwickelt, alles so zu lassen, wie es ist. Es besteht nicht nur aus Lehrplänen und Schulaufsicht. Es besteht aus der Erfahrung aller an Schule Beteiligter, wie Schule ist und scheinbar zu sein hat. Es besteht aus den Glaubenssätzen, die wir individuell und vor allem auch kollektiv daraus entwickelt haben.

Da ist jede und jeder einzelne von uns im Wandel-Team, mit allen Ideen, Visionen, Erfahrungen, erlebten Aufbrüchen, erlebtem Scheitern und gelungenen Veränderungen. Da sind unsere Körper mit ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten.

All das ist da. Im Wandel-Raum und im Zusammen-Sein des Wandel-Teams, darf es erst mal einfach da sein. Es gibt den Raum, die gemeinsamen Zeiten und die Vereinbarung, in dieser Zeit und diesem Raum erst mal nicht die ganze Welt einzureißen. Diese Vereinbarung ist vor allem für mich persönlich sehr wichtig, weil ein Teil von mir eigentlich immer genau das will und zwar sofort. Die Vereinbarung schafft Freiraum.

Da ist das große Thema Veränderung. Zu ihm nehmen wir gemeinsam Bezug. Hier sind wir, dort ist die notwendige Veränderung. Das ist die Grundbeziehung, in der wir uns gemeinsam bewegen. Immer wieder machen wir uns Gedanken über diese Veränderung. Wir haben eine Vision entwickelt und in diesem Prozess sind viele kleine und große Ziele aufgetaucht. Aus dem Spüren werden Symbole, in der Focusing-Sprache ein „Griff“. Wir haben sie sprachlich gefasst und in Bildern gemalt. Und immer wieder überprüfen wir, wie es jeder und jedem von uns damit geht. Was macht es, dass die Ziele formuliert sind? Was machen die Rückmeldungen aus dem Kollegium mit uns? Was verändert sich dadurch, dass die Ziele formuliert sind. Durch diesen Austausch entwickeln wir die nächsten Schritte.

All das läuft nicht in der in Focusing-Kreisen üblichen Sprache ab. Niemand sagt „Bleib dabei“ oder schlägt einen Modalitätenwechsel vor. Es finden nur selten Momente oder Übungen des bewussten körperlichen Spürens statt. Und doch sind die Parallelen faszinierend. Sie entstehen natürlich einerseits durch die Focusing-Brille, die ich gerade aufhabe. Gleichzeitig zeigen diese Parallelen, dass Focusing keine künstliche Methode ist, die irgendwo aufgesetzt und angewendet wird. Focusing verfolgt vielmehr die Prozesse und Abläufe, die bei persönlicher und auch bei gemeinsamer Entwicklung stattfinden. Es stellt eine Sprache zur Verfügung, mit der man über diese Abläufe sprechen kann und es verfeinert den Blick auf und den Umgang mit diesen Prozessen. Es lässt innehalten und nachspüren.

Und es lenkt den Blick auf den Felt-Shift, die spürbare Veränderung. Sechs erreichte Ziele in einem Jahr. Die sind gar nicht so klein und dennoch wurden sie mit Leichtigkeit erreicht. Sie sind greifbar und deutlich spürbar für die ganze Schule. Das erschafft das sehr gute Gefühl, etwas erreicht zu haben. Hier können wir durchatmen und Mut schöpfen für die nächsten Schritte.

Auch das ist wichtig im Focusing. Die Veränderung bemerken, bei der Veränderung bleiben und sie auch genießen. Da hängen sie, die erreichten Meilensteine, direkt vor mir auf der Stellwand. Ich verweile noch etwas auf dem rosaroten Sofa, lasse sie auf mich wirken, spüre nach. Da ist eine angenehme Ruhe, die etwas Kraftvolles mit sich bringt. Wie will ich das aufnehmen und schützen und damit den letzten der Focusing-Schritte gehen? Nun, ich könnte all diese Gedanken ja mal aufschreiben und sehen, was dabei herauskommt. Einige Wochen später habe ich das nun hiermit getan.

Und was ist da jetzt? Eine Bewegung, ein Kribbeln, eine Lust, das hier zu teilen und eine neugierige Vorfreude auf die Rückmeldungen dazu.

Würzburg im Juli 2026