Das Lesen auf dem Totenbett

Als das Lesen auf dem Totenbett lag, standen die Menschen betroffen herum. Die meisten schwiegen, einige murmelten leise vor sich hin. Schließlich fasste jemand Mut, trat vorsichtig an das Totenbett heran und fragte: "Was sollen wir tun?" Das Lesen lächelte und sah die Fragende zärtlich an: "Holt meine Geschwister und vertraut auf unsere Mutter!"

Die neue Pisa-Studie wurde vor wenigen Wochen veröffentlicht, es gab ein ganz kleines Aufmerken der Medien, dann wurde es schnell wieder still. Die Kultusminister:innen haben das gesagt, was sie sagen mussten und sind dann wieder zur Tagesordnung übergegangen. Dort war vor allem zu hören, dass das katastrophale Abschneiden nicht überraschend war, was wiederum eine ziemlich überraschende Aussage von Kultusmininster:innen ist. Die schlechtesten Leistungen seit Beginn der PISA-Studie zeigen deutlich, die Schule ist einer tiefen Krise.

Dabei wurde ein Ergebnis der Studie von kaum jemand ernsthaft aufgegriffen. Nicht nur in Deutschland sind die Lesefähigkeiten deutlich gesunken, sondern in den meisten Ländern. Möglicherweise sitzt die Krise viel tiefer, als wir zunächst denken. Dass nun die Förderung der Lesekompetenz eine der Kernmaßnahmen sein soll, ist begrüßenswert. Nur lässt gerade diese Aussage bezweifeln, ob das zentrale Problem überhaupt erkannt wurde. Denn Lesen verliert an Bedeutung, egal was Schule tut.

Die Bedeutung von Lesen und Schreiben im Leben aller Menschen verändert sich gerade so radikal, dass ein reines „mehr und früher lesen trainieren“ nicht ausreichen wird. Sprachnachrichten statt Text, Youtube statt geschriebener Anleitung, Podcast statt Zeitung, Netflix statt Buch, Sprachchat mit KI statt Gang in die Bibliothek. Lesen und Schreiben stirbt gerade aus, das ist deutlich sichtbar. Die aktuelle Pisa-Studie zeigt, dass das weltweit auch in gebildeten Kreisen Realität ist. Rechnen können die Maschinen schon sehr lang besser als wir.

Lesen, Schreiben und Rechnen, dafür wurde Schule erfunden, dafür ist sie da. Wenn all das aber einen so fundamentalen Bedeutungswechsel erfährt, wird die Anfrage an Schule sehr elementar. Es steht die Frage im Raum, welchen Zweck die Schule, wie wir sie kennen, dann überhaupt noch hat. Diese Frage kann ich hier nicht beantworten.

In der Schule könnte bestimmt vieles besser gemacht werden. Aber die Lesefähigkeit nimmt nicht in erster Linie deshalb ab, weil Schule etwas falsch macht. Es ist einfach nicht mehr notwendig, zu lesen oder zu schreiben, um Informationen oder Emotionen auszutauschen. Wir sind als Gesellschaft in rasendem Tempo dabei, in der Massenkommunikation und in der Kommunikation über digitale Wege wieder dort anzukommen, wo wir in der nahen Kommunikation von Mensch zu Mensch immer waren. Beim Hören und beim Sprechen. Beim Erzählen.

Wenn wir uns aber weiterhin darin einig sind, dass Schule die sehr wichtige Funktion hat, eine gemeinsam Bildungsgrundlage für alle Menschen zu legen, müssen wir uns fragen, wie wir auf diese fundamentale Veränderung antworten.

Dafür ist es notwendig, sich mit dem mündlichen Sprachgebrauch zu beschäftigen. Was ist Sprache und warum haben wir sie in den letzten beiden Jahrhunderten zunehmend mit Schrift verwechselt? Wie finden wir neue Formen, mit Sprache umzugehen und erweiterte Sprachfähigkeiten zu entwickeln?

Jeder von uns verwendet täglich Sprache und ist von Sprache umgeben. Nur ein winziger Prozentsatz davon besteht aus Schrift. Das ist nicht neu. Wir erzählen, berichten, diskutieren, trösten, begeistern, streiten und versöhnen uns täglich mit gesprochener Sprache. Das ist so selbstverständlich, dass wir darüber nicht nachdenken und es gar nicht richtig mitbekommen. Die Spinnwebe, die in der Sonne glitzert, die Autofahrerin, die mir die Vorfahrt nimmt, das Lächeln, das ich in der U-Bahn unverhofft von einem Fremden geschenkt bekomme, all das und so viel mehr erzählen wir bei nächster Gelegenheit einem anderen Menschen. Nicht selten haben wir das Gefühl, etwas unbedingt erzählen zu müssen. Es erscheint uns seltsam, wenn Menschen nebeneinander stehen und nicht miteinander sprechen. Sprechen und erzählen ist der Normalfall.

Wenn wir sprechen und uns zuhören, gibt es weit und breit keinen Buchstaben und kein Satzzeichen. Wir können das von frühester Kindheit an. Und wir können das so seit vielen Jahrtausenden, in Grundzügen vermutlich seit Millionen von Jahren. Im Vergleich dazu können wir seit vorgestern schreiben und lesen.

Als Schule für alle erfunden wurde, war die Schrift die große Errungenschaft. Schule hat in den letzten zweihundert Jahren vor allem dazu gedient, alle mit Schreib- und Lesefähigkeiten auszustatten. Das hat zu großem Fortschritt in allen Bereichen der Gesellschaft geführt, nicht zuletzt zur Demokratisierung unserer Gesellschaften. Der Erfolg war so groß und die Vermittlung der Schriftsprache so erfolgreich, dass es irgendwann zu einer fatalen Verwechslung von Sprache und Schrift kam. Ich habe vor wenigen Tagen einen Schüler gefragt, wie man seinen Namen ausspricht und er hat begonnen, mir den Namen zu buchstabieren.

Über Jahrhunderte war die Schrift die einzige Form, unsere Erlebnisse und die Ausflüsse unserer Fantasie mehr als einer Handvoll Menschen zur Verfügung zu stellen. Sie ist die Grundlage, mit der wir all unser fantastisches Wissen weitergeben und eine gemeinsame Wissenschaft aufbauen konnten und können. Sie gibt mir die Möglichkeit, gemütlich mit einem Buch in fremde Welten einzutauchen und mir neues Wissen anzueignen. Schrift ist fantastisch. Aber sie ist nicht Sprache. Schrift ist die Kunstform, mit der wir Sprache festhalten. Und sie hat starke Konkurrenz bekommen.

Das hat eine solche Selbstverständlichkeit entwickelt, dass es heute kaum mehr jemandem auffällt, wenn Sprache und Schrift verwechselt werden. Im Schulkontext bin ich auf folgende Zeile eines Liedes gestoßen: „Geschichten bestehen aus Sätzen, Sätze bestehen aus Wörtern, Wörter bestehen aus Buchstaben.“ Das soll vermutlich zur Motivation beim Erlernen von Lesen und Schreiben dienen, aber nichts könnte ferner der Wahrheit sein.

Geschichten bestehen niemals aus Buchstaben. Sie bestehen aus Erinnerungen, Erlebnissen, Emotionen, Bildern, Körperwahrnehmungen und Fantasie, niemals aus Schrift. Menschen, die kein Wort lesen und schreiben können, weil sie zum Beispiel noch nicht in der Schule sind, können sehr wohl lebhafte und lange Geschichten erzählen. Um einer Freundin davon zu erzählen, wie schön eine Begegnung gestern war, benötigt niemand von uns Schrift. Wir greifen einfach hinein in die Geschichte und lassen unseren Hals, unsere Zunge und Lippen frei laufen. Gestik und Mimik tun ihr übriges.

Die Art und Weise, wie wir in der Schule arbeiten, ist für diese grundlegende Verwechslung verantwortlich. Hier wird uns beigebracht, dass Geschichten, Nachrichten und Informationen zunächst aus Buchstaben bestehen. Diese Verwechslung ist in den meisten Menschen so tief verankert, dass das Hinterfragen dieser scheinbaren Selbstverständlichkeit zunächst oft auf Unverständnis stößt. Vor allem tragen wir Lehrkräfte sie so tief in uns, dass es undenkbar erscheint, Sprache von etwas anderem aus zu denken, als der Schrift. Schreiben und Lesen bilden aber nur einen winzigen Ausschnitt des riesigen Kosmos Sprache.

Wenn nun Sprechen und Hören gerade auch in unserem digitalen Leben wieder so viel mehr Raum einnehmen, und Schreiben und Lesen viel weniger Bedeutung haben, wird sich nicht mehr halten lassen, wie wir in der Schule arbeiten. Wir können so viel und so gutes Lesetraining durchführen, wie wir wollen. Wir können damit noch früher beginnen, noch mehr Zeit dafür aufwenden, es strenger oder kreativer gestalten. Wenn niemand diese Art von Lesen im Alltag mehr braucht, wird all das nicht verfangen.

Was also tun? Auf hervorragende Lesefähigkeit zu verzichten ist keine Alternative. Zu wichtig und zu schön sind die Möglichkeiten, die sich für uns alle dadurch ergeben.

Narrative Ansätze bieten hier fantastische Möglichkeiten. Ganz heruntergebrochen geht es dabei um das Erzählen von Geschichten. Erzählen ist so sehr Teil unserer Alltagskultur, dass nie jemand auf die Idee kam, das in der Schule zu unterrichten. Erzählen können wir und konnten wir immer. Lernen mussten wir Lesen und Schreiben. Erst die fatale Verwechslung von Sprache und Schrift macht es notwendig, das Erzählen wieder bewusst in die Schule hereinzuholen. Dabei geht es gerade nicht um geschriebene Geschichten, die wir aufsagen.

Was machen wir beim Erzählen? Wir tauchen ein in unsere Erinnerungen. Erinnerungen an Bilder, Töne, Momente, Begegnungen, Emotionen. Aus dem jetzigen Erleben der Erinnerungen lassen wir sie aufsteigen und zu Sprache werden. Ganz einfach, ohne jedes Wissen um Sprache und ohne jede Technik. Wir sprechen einfach los und jemand hört dabei zu. Dabei können wir gemeinsam durch eine Landschaft spazieren und nichts von der Landschaft wahrnehmen, weil wir so sehr in dem sind, was wir oder unser Gegenüber erzählen. Genau das Gleiche findet statt, wenn wir von einem Film erzählen, den wir gesehen haben, oder von einer Geschichte, die wir gehört haben.

Beim Erzählen von Geschichten, die wir gelesen haben, passiert nun oft etwas Erstaunliches. Oft wird dann gesagt: „Ich kann mich nicht mehr an die richtigen Worte erinnern.“ oder „Ich kann die nicht so erzählen, wie sie da steht.“ oder „Ich kann das nicht richtig.“ In Erzähl-Kursen, die ich gebe, taucht das immer wieder auf. Niemand würde beim Erzählen vom gestrigen Fußballspiel auf so eine Idee kommen. Wenn da aber geschriebene Worte stehen, dann setzen sehr schnell Mechanismen von richtig und falsch ein, die ein freies Erzählen unmöglich erscheinen lassen. Hier finde ich immer wieder ein weiteres Indiz für meine These, dass wir vor allem im schulischen Kontext diese fatale Verwechslung von Sprache und Schrift herstellen.

Es gilt also, Sprache wieder so zu erleben, wie sie zunächst ist. Mündlich. Dafür ist das freie Erzählen von Geschichten die beste Form, die ich kenne. So kann erlebt werden, dass Sprechen und Hören den allergrößten Teil unseres Sprachhandelns ausmachen. Ich halte das für die Voraussetzung dafür, dass wir uns dem Zuwenden, wie unserer Schülerinnen und Schüler, genau wie wir, Sprache verwenden. Und dann gibt es die vielen Geschwister der Schrift. Kunst, Musik, Theater, Audio, Video. Sie sind keine Feinde des Lesen und Schreibens. Sie sind andere Teilbereiche von Sprache. Wenn sich diese Haltung und dieses Verständnis allmählich in uns breit machen, können wir aufbrechen und neue Formen finden, in Schule mit Sprache umzugehen, Sprache zu vermitteln und mit Begeisterung Lesen und Schreiben zu lernen.

Als das Lesen auf dem Totenbett sah, dass sich die Menschen ihren vielen Geschwistern zugewandt hatten, das mündliche Erzählen wieder entdeckt hatten und die große Mutter Sprache dadurch wieder in ihrer ganzen Schöhnheit in ihr Leben geholt hatten, winkte es die mutige Fragende zu sich: "Ich habe ganz schön was geleistet in den letzten paar Jahrhunderten, aber ich verrate dir etwass. Das hier ist gar kein Totenbett. Ich gehe ganz sicher nicht weg. Ich ruhe mich nur ein kleinwenig aus."

Gregor von Papp - Würzburg im Oktober 2026